Das Leben in Farbe

Es zerstreut sich das Laub im Wind

gleichfalls tun es meine Zweifel

Frühling und Sommer vergingen in Sepia

der Herbst kommt in Farbe

An die dunklen Wolken, die Sturm und Regen bringen, gewöhnten wir uns, ebenso wie an die Sorgen

Gleißend brach seit jeher die Sonne hindurch

wärmte und erleuchtete unsere Welt

Mit dem Ungemach haben wir unseren Frieden geschlossen

und warten auf den Winter.

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Verfliegend (Gedicht)

Egon Schiele: Die Umarmung (Die Liebenden)

Die Zärtlichkeit deiner Berührungen

macht nachtdenklich

fühl‘ mich angenommen und glücklich

erschrecke darüber

Was wenn..?

~*~

Die Leidenschaft deiner Küsse

verdunkelt mein Herz

lasse mich mit dir treiben

verfluchte Ambivalenz

Hätte ich wissen müssen..!

~*~

Verzaubert von deiner Wärme

dein Herzschlag

die Güte in deinen Augen

Atem auf meiner Haut

So bleib noch..!

~*~

Verzweifelte Tränen sickern

in das Kissen

auf dem dein Kopf just lag

überschäumend vor Glück

trauere ich.

~*~

Alle Leichtigkeit ist dahin

bin jetzt verletzlich

und kein Drachenblut

in dem ich baden könnte…

~*~

für Anurag


Beitragsbild: Egon Schiele „Die Umarmung“ Bildquelle: http://www.malerei-meisterwerke.de/bilder/egon-schiele-die-umarmung-(die-liebenden)-08830.html

Ich suchte ein Gedicht (Alija H. Dubočanin)

Tražio sam pjesmu

Tražio sam pjesmu

od čarobnih riječi

koje se razumiju

u svim jezicima.

~*~

Tražio sam pjesmu

Koja će reći da je moja,

da i ona mene traži.

~*~

Našao sam je onog dana

Kada sam naučio

Slušati svoje srce.

~ Alija H. Dubočanin ~

entnommen aus Alija H. Dubočanin „Danas ću biti dijete. Pjesme i priče“ Sarajevo, 2012. S.17

Übersetzung:

Ich suchte ein Gedicht

von glanzvollen Worten

welche verstanden werden

in allen Sprachen.

~*~

Ich suchte ein Gedicht

welches erzählen wird, dass es meines ist

und dass es mich sucht.

~*~

Ich fand es eines Tages

als ich gelernt hatte

meinem Herzen zu lauschen.


Wer den Schreibtischmetamorphosen schon länger folgt, wird feststellen, dass die Beiträge mal wieder seltener geworden sind. Und ich suche oft vergeblich mein Gedicht, aber gerade ist zu viel Rauschen um mich herum, sodass ich nicht recht in mich hinein hören kann… Der Herbst wirbelt um mich herum und eine ganze Menge Dinge sind ganz anders als noch zu Beginn des Jahres. Wehmütig werde ich da und es glimmt die Hoffnung vielleicht doch bald wieder mehr Zeit zu haben, sich Zeit nehmen zu können um dem Echo des emsigen Treibens nachzuforschen. So lange mich die Muse noch nicht geküsst hat, verbleibe ich mit diesem schönen Stück bosnischer Lyrik und winke einmal mit einem goldgetupften Tuch im lauen Herbstwind in die Weiten des Netzes…

Klingendes Liebeslied (Alija H. Dubočanin)

Zvučna ljubavna pjesma

Slušaj,

kako vjetar diriguje

cijelim orkestrom borova.

Smiju se, zvone, huče, tutnje,

raskošni instrumenti.

Kao da zemlja nešto važno

nebu pripovijeda.

Od tih zvukova, gledaj,

topi se led usred zime.

Vjeruj, sve se to dogođa

Kada ona –

izgovora moje ime!

~ Alija H. Dubočanin ~

entnommen aus Alija H. Dubočanin „Danas ću biti dijete. Pjesme i priče“ Sarajevo, 2012. S.10

Übersetzung:

Klingendes Liebeslied

Höre,

Wie der Wind dirigiert

Das ganze Orchester der Pinien.

Sie lachen, rufen, brüllen, donnern,

die glanzvollen Instrumente.

Als ob das Land etwas großes

dem Himmel erzählt.

Von diesen ruhigen Klängen, schau,

schmilzt das Eis mitten im Winter.

Glaube es, alles geschieht auf diese Weise

wenn sie

meinen Namen ausspricht!

~*~

Dieses schöne Bändchen, gefüllt mit den gefühlvollen und manchmal sehr rührigen Gedichten von Alija H. Dubočanin, habe ich in einer Buchhandlung in Sarajevo gefunden. Meinem sprachlichen Niveau entsprechend habe ich bei den Kinderbüchern geschaut. Nun, zuhause, ist mit bei der Übersetzung des einen oder anderen Gedichtes schon des öfter aufgefallen, dass es in meiner Kindheit keine so schönen Gedichtbücher gab, was vielleicht an der literarischen Unbildung meiner Eltern gelegen haben mag. Als Teenager habe ich, bei Freunden, erstmals Gedichte von Erich Fried, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz gelesen und war begeistert. Wäre eine deutsche Übersetzung dabei gewesen, wäre Dubočanin in jedem Fall auch mein Favorit gewesen.

In den nächsten Monaten werde ich immer mal wieder eines seiner Gedichte hier übersetzen und hoffe, dass noch mehr Menschen Gefallen an seinen Gedichten finden!

Mostar (Gedicht)

Türkis
So viel Türkis
eingerahmt von verhaltener Freude und ruinenhaftem Schmerz
~*~
Monumente
– unscheinbar, aber doch Monumente –
von Schmerz, Hass und Leid
schwer ist es
~*~
mancherorts
merklich
wächst Liebe über die Narben
~*~
schwerfällig
sich öffnende Herzen
eingebettet in die unbeugsame Schönheit der Natur
~*~
das Herz flirrt
zwischen allem
~*~
schwer ist es
einfach sollte es sein
Brücke
zwischen Resignation und Hoffnung
~*~

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Mostar – Stari Most

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Mostar – OKC Abrašević

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Mostar – Nacionalizam ubija

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Mostar – Muzički centar Pavarotti

Dieses Gedicht ist allen großartigen Menschen gewidmet, die ich Mostar kennenlernen durfte. Allen Menschen, die mit Herzblut daran arbeiten, dass die Jugend in Mostar nicht nur eine Perspektive hat, sondern eine Perspektive ohne Hass (wie etwa in diesem Projekt: http://www.mcpavarotti.com/index_eng.htm ). Ich wünsche ihnen, dass es nicht erst in einem fernen Morgen soweit ist, sondern sehr bald!

 

Amikal (Gedicht)

Im Asphalt,

der unser Alltag ist,

öffnet sich ein Spalt.

*

Wort um Wort,

an unwirtlichem Ort,

wächst Vertrauen.

*

Eben zaghaft

vollzieht sich die Genese

einer Freundschaft.

~*~

Die Kollage wird mit freundschaftlichem Einverständnis der Künstler*innen (Boerckel & Thürck) hier veröffentlicht. Mehr Kunst unter: http://christopherwild.de/

Verwandlung – Gioconda Belli

Die Kletterpflanze

kriecht mir aus den Ohren.

~*~

Meine Augen haben sich in schwankende

Staubblätter verwandelt,

mein Mund ist voll

von violetten Blumen.

~*~

Wenn ich gehe

verstreue ich Blätter

über das Haus.

~*~

Alles im Raum ist meinen Zweigen im Weg,

überall verfange ich mich,

sogar meine Nase

ist grün geworden,

mein Duft anders,

ich stoße mich an den Möbeln,

meine Beine brechen die Fliesen auf,

dringen in die Erde ein

und verwurzeln.

~*~

Mein Haar läßt keine Bewegung mehr zu,

es hat sich an die Wände geheftet,

die Arme sind verschwunden,

nur Finger habe ich noch,

und mein Körper

ist zum Stamm geworden.

~*~

Mit meinen Fingern

berühre ich mich

von allen Seiten,

erkenne mich wieder

in Blättern

und Zweigen

und den Blumen, die in meinem Mund sind

und meine Zähne färben.

~*~

Meine Finger streichen an mir entlang,

und wo sie mich berühren,

wachsen Zweige,

und endlich,

nach viel Widerstand,

werden die Hände weich,

Knospen sprießen

aus den Fingerkuppen.

~*~

Mein Mund voller lila Blüten

hat meinen Körper beredet,

ich bin verwandelt

in eine Kletterpflanze,

stachlig,

allein,

Natur geworden.

~*~

entnommen aus: Belli, Gioconda [1993]: Wenn du mich lieben willst. Gesammelte Gedichte. Hamburg: Peter Hammer-Verlag. S.36f.


Vom Frühling handelt das Gedicht bestimmt nicht, trotzdem passt es gut zum Anheben des Frühlings. Vielerlei soll dann immer anders werden. Mancherlei wird es dann letztlich nur. Aber hier findet eine kraftvolle Metamorphose statt: die Frau, durchdrungen von einer neuen Kraft, wird eine andere. Eine Erkenntnis, die sie langsam verwandelt, sie durchdringt bis in die letzte Zelle. Wie man selbst sich Erkenntnissen sträubt und dann letztlich doch den Widerstand aufgibt um sich von ihnen beseelen und verändern zu lassen. Und wie ein Baum seine Jahresringe zählt, so schaue ich jedes Jahr auf den vergangenen Frühlig zurück und blicke auf die Metamorphose, die hinter mir liegt, behalte die im Auge, die ich gerade vollziehe und erwarte das Unbekannte, das mich bis zum nächsten Frühjahr durchdrungen haben wird. Das Gedicht erinnert außerdem an Bellis Roman „Bewohnte Frau“ von 1991.